Samstagabend in Delhi ist traditioneller Buffettag im Luxushotel und nachdem ich den ganzen Tag nichts außer besagter Banane aus dem vorherigen Beitrag gegessen hatte, hat es sich auch richtig gelohnt ;-) Blöderweise (oder glücklicherweise?) hatte mein Körper keine große Chance allzu viele Nährstoffe aus dem Essen zu holen, denn irgendwas war nicht ganz koscher und die Nacht war nicht ganz so angenehm trotz Luxusbett und gemütlichem Bettzeug. Ich schiebe es auf die Lime Soda, aber wer weiß das schon… Jedenfalls wissen wir jetzt, dass man auch in einem Hotel der allerobersten Preisklasse nicht vor Magenangriffen sicher ist. ;)
Eigentlich war ein gemütlicher Sonntag mit kurzem Abstecher zum Palika Bazaar, dem unterirdischen Markt unter dem Connaught Place, und einem staatlichen Emporium mit allerlei Kunst(handwerks-)schätzen angesetzt, aber da am nächsten Tag Nationalfeiertag war, hatten beide Märkte zu. Glücklicherweise, denn dies hat uns zu einigen Einblicken in das indische Leben verholfen, wie wir es so nicht hätten erleben können.
Erstes Ziel war also der Main Bazaar, den wir beinahe nicht wieder erkannt haben, denn die ganze Straße war aufgerissen und lag in Form von Erdbergen in der Gegend rum. Offensichtlich wurde die Kanalisation verbessert.
Seit dem Terrorangriff in Mumbai gibt es überall Sicherheitskontrollen und –sperren. Das fängt damit an, dass in den Hoteleinfahrten die Autos durchleuchtet werden und das Gepäck durch Sicherheitsschleusen gezogen werden. Auf den Märkten sieht das eher so aus: 2 Holzrahmen stehen in der Gegend rum, die wohl einmal Metalldetektoren eingebaut hatten. Da aber daneben alles offen ist und die Detektoren eh nicht funktionieren stört es die gelangweilten Soldaten daneben auch nicht weiter, dass alle Passanten nebendran vorbei gehen. Effektiv ist anders ;)
Beim Schlendern durch die Gassen, bei denen man jedes Mal neue entdeckt, kommen wir zufällig mitten in eine Armenspeisung. Die Menschen sehen unglaublich dreckig und verwahrlost aus. Ich bekomme Magenprobleme vom 5-Sterne-iss-so-viel-du-nur-in-dich-reinstopfen-kannst und hier bekommen die Menschen glückliche Augen, wenn sie überhaupt eine warme Mahlzeit erhalten.
[Da fällt mir wieder die Frau ein, die ich zweimal am Hauptbahnhof gesehen habe und von der ich gerne wüsste, was aus ihr geworden ist. Beide Male saß sie an derselben Stelle und ich denke fast, dass sie sich von da nie wegbewegt. Ihr Körper war so dünn, dass ich bezweifle, dass sie überhaupt aus eigener Kraft stehen kann und ihre Augen so leer, dass man meint, dass sie sich schon längst aufgegeben hat.]
In den Gässchen springen immer Kinder um uns rum, die sich einen Spaß daraus machen, uns englische Wörter zuzurufen und allen die Hand zu geben.
Zwischendurch bietet mir ein junger Mann sein kleines Baby an, das er auf dem Arm hält. Es ist ganz schön dreckig und hat eine kleine Rotznase. Ich hoffe einfach, dass er mir das Kleine nicht schenken, sondern nur meinen Segen haben wollte. So sicher bin ich mir da nicht, die Geste war schon recht eindeutig, aber es war immerhin ein Junge.
Kreuz und quer laufen wir also in einer groben Richtung immer weiter und weiter, bis wir schließlich an eine größere Straße kommen, auf der Stroh rumliegt und erstaunlich viel Vieh getrieben wird - meist ein oder zwei Tiere an der Leine geführt von Männern, die nach ärmlichen Bauern aussehen. Von oben bis unten Blut überströmte Menschen kommen uns entgegen. Es ist wie inmitten eines Dorfes mit paradoxerweise städtischen Straßen – und blutverschmierten Menschen. Nach einiger Zeit haben wir es verstanden: Wir sind im Schlachthausviertel: Auf einem riesigen Platz wird geschlachtet, außenrum werden Tierteile durch die Gegend transportiert. Ich wage mich rein, aber werde gleich wieder von ein paar Männern verjagt. Das ist wohl nichts für westliche Augen und schon gar nicht für Kameras.
Das ganze Viertel ist danach ausgerichtet: Überall Tiere in allen Lebens- und Todesstadien und dazwischen geht das normale Leben weiter, spielen Kinder auf der Straße, wird Wäsche gewaschen und ist sonst emsiges Treiben. Irgendwie fühle ich mich wie im falschen Film. Es ist Winterende und es stinkt bereits zum Himmel. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man es hier im Sommer bei über 40°C und den ganzen Tierabfällen zusätzlich zum „normalen“ indischen Dreck und Müll, der wie überall die Wege bedeckt, auch nur eine halbe Minute aushalten soll.
Ich wüsste gerne, ob die indische Regierung jemals einen Fuß in solche Viertel gesetzt hat, ob die Reichen und so sehr auf Land Stolzen mit eigenen Augen gesehen haben, wie ihre Landsleute leben. (Die meisten Touristen haben das wohl nicht.) Das Schlimme ist, dass das Kastendenken immer noch so verankert ist, dass es so wahrscheinlich „richtig“ ist. Ich habe oft den Eindruck, dass Menschen der niederen Klassen den oberen Schichten einfach egal sind. So lange sie bei ihnen putzen und kochen und die Drecksarbeit der Gesellschaft machen. Aber vielleicht tue ich vielen damit auch unrecht.
An irgend einer Straße halten wir schließlich eine Motorriksha an und lassen uns zurück zum Palika Bazaar fahren, weil der Rikshafahrer meinte, dass dieser ganz sicher jetzt offen sei. Der Rikshafahrer ist so unglaublich nett und unschuldig offen, dass es mir ein wenig peinlich ist zu sagen, in welchem Hotel wir wohnen, nach allem, was wir gerade erst gesehen haben. Selbst die 15ct Trinkgeld will er mir erst wieder zurückgeben.
Natürlich hat der Bazaar noch immer nicht offen und so gehen wir zurück ins Hotel, wo ich im Hotelbademantel im Luxusbett liege und anfange zu verarbeiten, was ich gesehen habe, nachdem ich mir den Kinderhändedreck von den Fingern gewaschen habe.
Es wundert mich, dass mich das Leben hier noch so schocken kann. Wahrscheinlich weil ich jedes Mal denke, dass es wirklich nicht mehr schlimmer geht. Aber es gibt wohl immer ein noch Schlimmer. Zumindest kann ich jetzt wirklich begreifen, dass unsere Unterkunft in Sonipat für viele Menschen hier absoluter Luxus ist. (Und trotzdem bin ich froh, wenn ich sie nicht mehr mein eigen nennen werde.)
Bilder dazu gibts hier.
29 Januar 2009
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