Es gibt hier drei Menschen innerhalb des Fuhrunternehmens des Firmenvertrauens, die mich fahren dürfen. Der Chef persönlich und seine zwei Söhne. Pünktlich um 16h stand also ein Auto für mich bereit, um mich durch den Diwaliverkehr nach Delhi zu bringen. Zuvor hatte der Werksleiter Wind davon bekommen, dass ich alleine nach Mumbai fliegen werde, was Anlass war, ein sofortiges Sicherheitsunterweisungsmeeting seinerseits mit dem Personalchef, meinem Chef und mir einzuberufen. Also alles geregelt und los gehts!
Auf den Straßen ist die Hölle los – jeder musste schließlich seine Geschenke los werden. Dementsprechend standen wir unentwegt im Stau. Wenn Stau ist, sind alle Regeln außer Kraft gesetzt außer einer: Fahre immer dahin, wo Platz ist! Oder besser: Quetsche dich da rein, wo du denkst, dass du Platz haben könntest – und niemals nachgeben! Gefahren ist einer der beiden Söhne mit dem wunderbaren Namen Love, dessen Lieblingsbegrüßung „I Love, you...?“ ist. Er macht seinen Master an einer der Top 10 Unis in Business, worauf er unglaublich stolz ist. („Weißt du wie viele Hochschulen es in Indien gibt?“ „Nein?“ „16.000!!“) Darf er aber auch sein, wie ich finde. Ich korrigiere ihm also seine Deutschaufgaben (inklusive der Aufgabenstellungen der Lehrerin) und er erzählt mir von Indien. Zum Beispiel dass 36% der Bevölkerung in Indien unter der Armutsgrenze leben, die in der Stadt bei 2400kcal/Tag und auf dem Land bei 2200kcal/Tag liegt. Oder dass es ein Gesetz für Männer gibt Helme im Straßenverkehr zu tragen, für Frauen und Kinder gibt es aber keines. Jetzt vestehe ich auch, warum immer der Familienvater den Helm auf hat, während Frau hinten und Kinder dazwischen und vorne ohne Helm auf dem Moped sitzen... Die Begründung: „Weißt du, in Indien ist die Frau weich.“ Helme passen nicht zum Aussehen und nicht zum Image. Naja, auch eine Sichtweise... Dann erzählt er mir, dass sich seine weiblichen Freundinnen immer über die Jungs lustig machen, die Helme tragen müssen. (Ob sie das tun ist natürlich noch eine andere Sache.)
Und das bringt mich auch schon zum nächsten Thema, was mich wirklich brennend interessiert hat. Wie sieht es aus mit arrangierten Ehen, ist das immer noch so? Einen Freund oder eine Freundin zu haben ist schonmal tabu – in der Öffentlichkeit. Gleichzeitig gilt unter jungen Indern: je mehr Verflossene, desto angesehener. Ich sage bei uns würde das „Macho“ heißen. Er will seine Deutschlehrerin danach fragen. :D Jedenfalls besteht eine Beziehung vor der Hochzeit vor allem darin, sich Pläne auszudenken, wo man sich wie am besten trifft, ohne dass jemand etwas mitbekommt. Stell ich mir ziemlich schwierig vor, wenn man als unverheiratete Frau abends nicht mehr aus dem Haus darf und jede Berührung in der Öffentlichkeit ebenfalls tabu ist. Meine Theorie ist ja, dass es deshalb so viele Männer gibt, die zum Zeichen der Freundschaft Händchen haltend durch die Straßen gehen. Frauen dürfen sie ja nicht anfassen.
Wer gegen den Willen der Eltern heiratet (also außerhalb der theoretisch nicht mehr existierenden, aber praktisch allgegenwärtigen Kaste oder sonst eine schlechte Partie), wird in der Regel verstoßen und muss sich eine neue Lebensgemeinde suchen. Es gibt allerdings auch Eltern, die dieses Denken überwunden haben und ihre Kinder selbst aussuchen lassen. Die werden dann aber oft von der Gesellschaft außenrum verachtet. Ich weiß nicht, ob das wirklich alles so stimmt, ich habe es mir schließlich von einem Inder mit dem Namen Liebe erklären lassen ;-)
Swantje erzählt später, dass bei ihr auf der Arbeit gerade Hochzeitssaison ist und dort ganz offen erzählt wird, ob die Hochzeit „arranged“ oder „love“ ist.
Wir kommen genau richtig am Flughafen an. Normalerweise dauert die Fahrt ca. 1,5 Stunden, wir haben 3 gebraucht. In der Wartehalle sitzt eine nette Frau neben mir, die mir von ihrer Arbeit als Grundschullehrerin erzählt und wie sehr sie es hasst hier zu leben. Dass ihr demletzt auf dem Weg zur Arbeit ein Mopedfahrer, die Kette vom Hals gerissen hat und sie froh ist, sicherheitshalber nur Fakeschmuck zu tragen, der reißt nämlich einfach. Und dann erzählt sie mir noch wie man ordentliches indisches Chicken macht und dass das wirklich einfach wäre. Ich habe mich bemüht zu folgen, aber nach 10 Minuten Ausführung konnte ich mir wirklich nicht mehr all die Gewürze und Reihenfolgen merken. Naja, schade. In der Zeitung steht ein Artikel darüber, dass eine Stewardess aus einem Flugzeug geflogen ist, als sie die Tür schließen wollte. Der Kommentar meiner Sitznachbarin dazu: „Can you believe this? Everything is possible in India! Everything is possible!”
In Mumbai schreibe ich die im Sicherheitsmeeting vereinbarte “Ich bin angekommen und mir gehts gut”-SMS und Swantje holt mich vom Flughafen ab – mit einer Riksha! Die Menschen sehen ganz anders aus, weniger gleich, stylisher und einige tragen sogar westliche Kleidung. Rikshafahren ist super! Mumbai ist super! Und Swantjes Wohnung ist ebenfalls super! Eine 3er-WG mit zwei Bediensteten, die kochen und putzen, 24h warmes Wasser, eine Waschmaschine in der Wohnung und Toplage. Kein Wunder, dass sie nicht mehr weg will! :)
Everything is possible in India! ;-)
07 November 2008
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